Dr. Leonhard Brier ist einer der “Gründungsväter” der Freiwilligen-Agentur Leipzig. Anlässlich des 15jährigen Bestehens des Vereins wurde im Jahr 2015 das folgende Interview mit ihm geführt, welches wir an dieser Stelle erneut veröffentlichen.

Bürger für Leipzig – aus Solidarität und Nächstenliebe
Interview mit Dr. Leonhard Brier

Am Beginn unseres Gespräches möchte ich Sie kurz vorstellen. 1937 in Oppeln (Schlesien) geboren, haben Sie 1955 bis 1961 in der DDR theoretische Elektronik in Ilmenau studiert. Danach waren Sie Entwicklungsingenieur im Fernmeldewerk Leipzig, ab 1993 Personalleiter bei Siemens, wo sie dann 1998 ausgeschieden sind. Sie sind verheiratet und haben vier Kinder.

In Ihrer Biografie fällt auf, dass Ihr freiwilliges Engagement Zeit Ihres Lebens, bis heute, Ihr Leben konstitutiv prägt. Nachbarschaftshilfe, Ihre stete „Anrufbereitschaft“ in Ihrer katholischen Pfarrgemeinde, Hilfe für Asylbewerber und Ausländer, Unterstützung von Obdachlosen… Ich könnte eine Vielzahl von weiteren Aktivitäten aufzählen. Was bewegt Sie zu einem solchen Engagement?

In meinem Leben habe ich oft Hilfe erfahren. Meinen Lebensweg bin ich mit der Hilfe anderer gegangen. Dafür bin ich dankbar. Deshalb habe ich das Bedürfnis zu helfen, vor allem in Situationen, wo unmittelbare Hilfe oft lebensnotwendig – im wahrsten Sinn des Wortes – sein kann und wodurch ich mich immer auch als Christ direkt angesprochen fühle.

Einrichtungen, die in besonderer Weise das ehrenamtliche Engagement der Bürger am Wohnort fördern – sie tragen verschiedene Namen, wie bspw. „Tatendrang“, Treffpunkt Hilfsbereitschaft“, Ehrenamtsbörse“, „Von Mensch zu Mensch“ – gab es zu Beginn der Gründung der Freiwilligen-Agentur Leipzig seit etwa 10 Jahren in den neuen Bundesländern. In welchem Kontext stand die Eröffnung einer solchen Agentur in Leipzig?

Einzelfallhilfe ist und bleibt immer wichtig. Aber gerade Einrichtungen, die sich darum bemühen, am Wohnort Hilfe suchende Vereine und helfen wollende Menschen zusammenzubringen, verdienen größte Aufmerksamkeit, weil dadurch Angebote und Nachfragen gezielt koordiniert werden. Das war mir schon immer bewusst. Die Idee der Freiwilligen-Agentur Leipzig e.V. (FAL) wurde geboren durch die Arbeitsgruppe der Agenda 21 „Zukunft der Arbeit“ und in einer OBM-Sprechstunde etwa 1999. Die Stadt stand insofern Pate, als sie die Treffen zur Gründung des Vereins vorbereitet und unterstützt hat.

Wie ließ sich alles weiter an? Wann begannen die unmittelbaren Vorbereitungen bzw. etwas salopp gesagt: Wann erfolgte der Startschuß?

Am 4. Dezember 2000 war es dann nach knapp zwei Jahren Vorbereitungen soweit. Am Vortag des Internationalen Tages des Ehrenamtes trafen sich 13 Personen im Stadtbüro und gründeten mit der Freiwilligen-Agentur Leipzig einen unabhängigen Verein. Etwas mühevoll, aber das ist in anderen Vereinen nicht anders, gestaltete sich der Entwurf der Satzung, nach der Konsultation von Fachleuten und natürlich in Abstimmung mit dem Finanzamt Leipzig. Die Gemeinnützigkeit wurde anerkannt, die Eintragung ins Vereinsregister erfolgte am 27.2.2001.

Die 13 Gründungsmitglieder der FAL wählten Sie zum Vorstandsvorsitzenden.

Nun ja, alle anderen waren berufstätig, ich hatte also die meiste Zeit…

Sie mußten in den Mühen der Anfänge vor allem drei Punkte im Blick haben: Wo sollte die FAL ihre Büroräume haben, um möglichst gut erreichbar zu sein? Wie sollte sie personell bestückt werden? Und wo sollten die Mittel herkommen, denn die Möglichkeiten der öffentlichen Förderung waren auch damals begrenzt?

Damit sprechen Sie die wichtigsten Fragen – und Sorgen! – des Anfangs an. Bezüglich der Büroräume kam uns die Stadt wiederholt entgegen. Durch Initiative der damaligen Leiterin des Stadtbüros konnten wir im Gebäude des ehemaligen Arbeitsamtes / Große Fleischergasse zu günstigen Mietkonditionen drei kleine Räume nutzen. Beim Arbeitsamt stellten wir den Antrag auf zwei ABM-Stellen, der genehmigt wurde. 2001 war der Stadt Leipzig der Bertelsmannpreis (25.000 DM) verliehen worden, den der OBM an die FAL übergab mit der Auflage, damit die Büro- und Sachkosten bis 2006 zu begleichen. Mit diesem „Startgeld“ und den beiden ABM-Kräften konnte es also in unserem zentral gelegenen Büro im Herzen der Stadt losgehen.

Sinn und Zweck der FAL besteht darin, Lust und Freude an der uneigennützigen Hilfe – heute heißt dies bürgerschaftliches Engagement – für andere zu wecken und die neuen Helferinnen / Helfer auch auf ihrem Weg zu begleiten. Deshalb kommt dem ersten Gespräch eine besondere Bedeutung zu. Dort werden Angebote aus dem sozialen, kulturellen, sportlichen, also im weitesten Sinne aus mitmenschlichen Feldern unterbreitet. So unterstützt werden sollen gemeinnützige Vereine und Einrichtungen, die zur Aufrechterhaltung ihrer Tätigkeit dringend freiwillige Helferinnen/ Helfer brauchen. Gleichzeitig werden wichtige Fragen wie Versicherung im Ehrenamt thematisiert. Bitte schildern Sie, wie Sie ein solches Gespräch geführt haben.

Zu Beginn stelle ich den Verein und seine Intentionen vor. Danach meine Tätigkeit in der FAL, wobei ich die ehrenamtliche Tätigkeit betone. Nach diesem wichtigen Informationsteil frage ich nach den Neigungen und Interessen. Damit verbinde ich die Frage, wie sie/er auf uns aufmerksam geworden ist. In der Regel erzählt sie/er dann von sich, auch etwas von der Motivation für ein Ehrenamt. Manche wissen genau, was sie wollen. Andere möchten zwar etwas tun, wissen aber nicht genau, was. Diese verschiedenen „Befindlichkeiten“ versuche ich, im Gespräch aufzunehmen und den Interessierten – manchmal sind auch zwei zusammen gekommen – eine ganz persönliche Antwort zu geben. Jedes Gespräch ist mit der Zusicherung verbunden, dass sich der/die Freiwillige nach dem Gespräch jederzeit erneut an mich wenden kann. Oder nach dem ersten Einsatz in einem Verein. Denn erfahrungsgemäß treten manchmal nach Beginn einer ehrenamtlichen Tätigkeit noch einmal Fragen auf.

Wie wurden Vereine auf die FAL aufmerksam?

Einige durch die Zeitungsberichte – ich erinnere mich hier vor allen an einen, der überschrieben war: „Darf’s nicht auch ein Igel sein?“ Andererseits habe ich mich bei vielen Vereinen zu einem Gespräch angemeldet, unsere Unterstützung bei der Suche von Helfern angeboten und deren Tätigkeitsprofil aufgenommen.

Ehrenamt ist eine Tätigkeit, die ganz im Sinne eines Engagements für andere steht – und dabei nicht auf eine höhere Aufwandsentschädigung als die Erstattung von Fahrtkosten schielt oder eine feste berufliche Anstellung im Blick hat. Dennoch waren und sind solche Fragen immer Thema eines solchen Gespräches, auf die zu antworten gewesen ist. Kann eine Person, die eine berufliche Anstellung sucht, für ein Ehrenamt motiviert werden? Und wenn ja, in welcher Argumentation?

Die Zeit bis zur Aufnahme einer beruflichen Tätigkeit kann durchaus für eine ehrenamtliche Aufgabe genutzt werden. Die/der Ehrenamtliche zeigt damit ihre/seine Flexibilität und Engagementfähigkeit – was ein künftiger Arbeitgeber aufmerksam registrieren dürfte. Zu bedenken ist aber auch, dass ein Ehrenamt jener vorhandenen psychischen Abwärtsspirale, in der sich Arbeitslose Woche um Woche befinden, entgegenwirkt. Es ist vorgekommen, dass in einigen Fällen, Vereine solche Helfer in eine bezahlte Tätigkeit übernommen haben.

Die Angebote der FAL sollten auch für junge Menschen schnell einsehbar und verfügbar sein. Deshalb entwickelte die FAL schon 2001 eine interaktive Datenbank, die dann 2002 freigeschaltet wurde. Von Beginn an war, anders als in anderen Freiwilligen-Agenturen, beabsichtigt, dass Freiwillige selbständig und ohne Rückkopplung mit der FAL anhand der online geschalteten Angebote direkt Kontakt aufnehmen konnten zu den gemeinnützigen Einrichtungen.

Diese eigenständige Entwicklung war eines unserer Hauptanliegen, weil potenzielle Ehrenamtliche hier Angebote finden konnten, ohne direkt mit der FAL Kontakt aufzunehmen. Wir hatten dabei vor allem junge Menschen im Blick, für die das Internet ein wichtiges Informationsmedium war. Es war uns dabei nicht wichtig, die Erfolge zu erfassen, sondern Interessierten das niederschwellige Angebot zu präsentieren.
Natürlich sind stolz darauf, dass unsere Datenbank öffentliche Anerkennung durch die Verleihung von drei Preisen erfuhr: im bundesweiten Wettbewerb von „Startsocial“ 2001 gab es einen Anerkennungspreis von 5.000 DM, im gleichen Jahr erhielten wir mit der Datenbank den Agenda-Preis, mit 5.000 DM dotiert und 2003 den Preis der Sparkasse von 4.750 € für ein innovatives Projekt.

Die FAL realisierte 2002/2003 ein zweites Projekt, ganz gezielt in der Ansprache von Schülerinnen und Schülern.

Nach einem Gespräch mit der Freiwilligen-Agentur Halle entwickelten wir ein eigenständiges Projekt „soziales lernen“. Im Rahmen des Projektes, das von der Bosch-Stiftung gefördert wurde, waren zwei Abiturientinnen in der FAL tätig. Gemäß dem Motto „Was Hänschen lernt, muss Hans nicht mehr lernen“ gingen damit die beiden Mitarbeiterinnen in Schulen, um zusammen mit der Klassenlehrerin in Vereinen eine Projektwoche zum freiwilligen Engagement zu organisieren. Wir konnten dieses Projekt, das auf drei Jahre angelegt war, realisieren, weil es, außer durch die Bosch-Stiftung, von der Stiftung Demokratische Jugend, dem Sächsischen Staatsministerium für Kultus und der KASTELL-Stiftung gefördert wurde. Außerdem gelang es uns, mit dem Projekt – wie bei der Datenbank – im Wettbewerb eigene Mittel einzuwerben.

Stichwort: Einwerbung von finanziellen Mitteln. Sie sind da sehr erfolgreich gewesen und haben vielfach „Klinken geputzt“, indem Sie direkt bei Richtern vorstellig geworden sind, um die Anliegen der FAL vorzustellen – und so einen positiven Bußgeldbescheid zu erwirken.

Mir war klar, dass ich angesichts der vielen an Bußgeldern interessierten Vereine, damals waren es etwa 400, als Vorstandsvorsitzender bei Richtern vorsprechen musste. Meist hatten diese keine Zeit und wenn, dann musste in wenigen, maximal drei Minuten das Anliegen formuliert sein, eine schriftliche Information samt einem vorbereiten Überweisungsformular bereitgehalten werden. Immer offen im Ausgang…

Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben, dass Sie die Preisgelder, die sie durch den Agenda-Preis und als „Botschafter der Wärme“ zuerkannt bekommen haben, beide 2004, der FAL zur Verfügung gestellt haben.
Klappern gehört zum Geschäft, biblisch gesprochen stellt man das Licht auf einen Leuchter! Welche Erfahrungen haben Sie vor allem in der Anfangszeit mit dem Medien und dem öffentlichen Echo gemacht?

Die Resonanz auf Zeitungsartikel über die Tätigkeit der FAL war gering. Ebenso auf zwei Sendungen im ZDF. Dort wurden der Ehrenamts-Pass und das Projekt „soziales lernen“ vorgestellt. Positiv ist hervorzuheben, dass aufgrund der kleinen wöchentlichen Meldung in der LVZ „Sprechstunde in der FAL mittwochs bis 18.00 Uhr“ sich Interessierte immer wieder angesprochen fühlten. – Wir haben häufig die Gelegenheit genutzt, in Versammlungen anderer Vereine die Möglichkeiten der FAL darzustellen. Allerdings auch hier nur mit geringem Erfolg, weil die meisten Besucher solcher Veranstaltungen selbst ehrenamtlich tätig waren.

Im Titel des Beitrags „Bürger für Leipzig“ klingt mit, was Sie so herausragend repräsentieren, und zweitens, wie Sie andere durch eine gelebte und praktizierte Solidarität und Nächstenliebe einladen, gleichfalls in diesem Sinne „Bürger für Leipzig“ zu werden. Schließlich trägt nicht zuletzt die im Jahr 2003 gegründete Bürgerstiftung, deren Mitglied Sie ebenfalls von Beginn an waren, diesen Titel, ganz dem gemeinnützigen Anliegen der „Bürger für Leipzig“ verpflichtet.

Herr Dr. Brier, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Wolfgang Walter, 2001 – 2003 Mitarbeiter in der FAL.
Leipzig, 24. Juni 2015